Gedächtnis-Sport?/Gedächtnis-Kunst?


von Vera F. Birkenbihl

Ist es wirklich ein Sport ?????

Ein wenig POLEMIK, zugegeben…

Wir bezeichnen Gedächtniskünstler als Gedächtnissportler. Das ist ein Symptom für die Tatsache, daß wir körperliche Fitneß gut finden, geistige Tätigkeiten aber nicht allzu hoch einschätzen. Deshalb ordnete man auch das königliche Geistes-Spiel Schach dem Sport zu, in den 1990-iger Jahren wurde, was früher einmal Gedächtnis-KUNST gewesen war, ebenfalls der Kategorie SPORT zugeordnet.
Warum? Weil wir zu KUNST ein äußerst gespaltenes Verhältnis haben? Schließlich handelt es sich um Bereiche der bildenden oder darstellenden Künste (von Theater über Malerei, Bildhauerei etc. bis zu Musik), deren Ausübende sich aktiv geistig betätigen. Das verurteilt sie dazu, bei uns ein Randdasein zu fristen, weil ihre (meist brotlose) KUNST selten genügend Interessenten finden kann, daß sie davon leben könnten.
Normalerweise ist KUNST eines der wesentlichen Elemente der KULTUR eines Volkes, an dem man seinen Entwicklungstand ablesen kann. Je mehr Zeit und Energie die Menschen fürs nackte Überleben investieren müssen, desto weniger Angehörige des Stammes oder Volkes können kulturelle (oder Kult-)Handlungen in ihrer offiziellen „Arbeitszeit“ ausführen (JägerInnen jagen, SammlerInnen sammeln, der Schamane bzw. die Schamanin sorgt dafür, daß Götter, Geister, Ahnen etc. dem Stamm oder Volk wohlgesonnen bleiben.) Je wohlhabender ein Volk wird, desto mehr Energie kann es in kulturelle Handlungen leiten, bis es den Punkt erreicht, ab welchem man es als KULTURVOLK bezeichnet. Nun gibt es Völker, in denen der Anteil jener, die sich spirituell orientieren weit höher ist als bei anderen, wiewohl die Menschen arm sind (Tibet) und es gibt jene, die ihre spirituellen Wurzeln weitgehend aufgegeben haben (Deutschland). In dem Maß, in dem mehr und mehr Menschen sich weitgehend materialistisch orientieren, verliert das Volk die Beziehung zu seinen spirituellen Wurzeln. Diese Rück-Bindung heißt übrigens Re-Ligio (womit die ROLLE der Religion, eine der größten Kulturleistungen eines Volkes, beschrieben wäre).
Wir Deutsche könnten zwar zu jenen Völkern zählen, die sich auch geistigen und/oder spirituellen Dingen zuwenden, aber wenn man bedenkt, wie wenige Menschen bei uns sich (im weitesten Sinne) kulturell betätigen und wie wenig unser Volk im Allgemeinen für Kultur „übrig hat“ – ist es da ein Wunder, daß wir die wenigen geistig tätigen Menschen als SPORTLER bezeichnen, damit es nicht auffällt, daß hier jemand als Gehirn-Benutzer agiert (im Gegensatz zu den vielen Gehirn-Besitzern, die es die meiste Zeit im Schädel spazieren tragen.
Das war früher anders, wenn z.B. ein Landesherr eine Kathedrale plante, an deren Erbauung viele Menschen über viele Jahrzehnte mitwirkten, wobei die meisten BürgerInnen sowohl die Entwicklung als auch sämtliche kultischen Handlungen in der Kathedrale später intensiv verfolgten. Heute streben unsere „Oberen“ extrem materialistische Ziele an, sie haben mit kulturellen, kultischen, spirituellen Dingen „nichts am Hut“ (wenn ja, verbergen sie es geschickt). Deshalb wird an Schulen Kunstunterricht, Musik, Theaterkünste etc. nicht (mehr) angeboten. Wo es solche Angebote gab, werden sie zurückgezogen (angeblich, weil die materiellen Mittel dazu fehlen), wo es sie nie gab, wird es sie in naher Zuknft auch nicht geben.
Was nützt es, wenn Studien seit Jahren immer wieder zeigen, daß nur Gehirne, die möglichst vielseitig eingesetzt werden, gut funktionieren und daß kulturelle Handlungen auf andere Fächer „ausstrahlen“ (insbes. auf Sprachen und Mathematik). Übrigens wissen wir inzwischen auch, daß Menschen, die viele unterschiedliche Kompetenzen erwerben, auch besser denken können. Aber das ist ja eine geistige Tätigkeit, deren Erwerb nicht gerade höchstes Ziel unserer Bildung sein darf.
Früher wollte man, daß Schüler und Studenten geistig breit gefächert vorgehen sollten, was heute weder am Gymnasium noch an den meisten Universitäten erwünscht wird. Ich höre mehr und mehr Klagen (insbes. bezüglich der neuen Bachelor- und Master-Ausbildungen, daß auch eindeutig geistige Fächer wie Philosophie, Psychologie und Pädagogik) immer mehr zu LERNFÄCHERN verkommen. Wenn es nur eine große Prüfung am Semesterende gibt, in der ALLES abgefragt werden kann, was „dran war“, sind die Betroffenen weniger denn je bereit, sich wirklich denkerisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen als früher, als man die ersten ein oder zwei Klausuren ruhig „schmeißen“ konnte, weil man zu lange im Cafe und nächtelang über die Themen debattiert hatte, solange man gegen Semesterende eine gute Prüfung über die letzte Teilmenge schrieb. Aber man hatte weit mehr begriffen!
Solange unsere Entscheider für Kulturelles, wie auch für Grundlagenforschung in den exakten Wissenschaften ähnlich wenig übrig haben, werden auch hier die Weichen immer weiter auf BRAIN-DRAIN gestellt. Vor einigen Jahren gingen bereits in manchen Fakultäten bis zu 25% derer, die hier studiert hatten, ins Ausland, Tendenz steigend. Deutschland hat sich vom ersten großen BRAIN-DRAIN aus den Jahren 1938 – 1945 noch immer nicht erholt, ein Großteil amerikanischer Nobelpreisträger hätten ihre großartige Forschungsarbeit hier gemacht, hätte man sie nicht weggejagt. Derzeit müssen jene, die trotz unserer ausgeprägten deutschen Anti-Lernen und Anti-Geistige-Tätigkeiten-Haltung die richtige Einstellung entwickeln konnten, flüchten, weil sie hier abgelehnt werden. In der Schule mobben die Kinder „Streber“ (d.h. junge Menschen, die nach Höherem streben als Kinder von extrem materialistisch eingestellten Eltern) und die Tatsache, daß so wenige Lehrkräfte dagegen angehen, zeigt, daß auch unter ihnen nicht so viele PRO-LERN-Einstellungen vorherrschen, wie man es in einer perfekten Welt erhoffen würde.
So gehört jetzt auch die früher als Gedächtnis-KUNST bekannte Tätigkeit in den Bereich SPORT. Zwar haben jene, die alles Geistige als unwichtig wahrnehmen, inzwischen kapiert, daß man selbst bei physischem Sport GEISTIG aktiv mitwirken muß, will man in der Oberliga mitmischen. Aber der Schwerpunkt liegt immer noch darauf, gewisse Muskeln im richtigen Sekundenbruchteil um genau „so viel“ zu bewegen. Wo ziehen wir die Grenze? Warum ordnen wir PIANISTEN, GEIGER oder BASSISTEN den KULTURSCHAFFENDEN zu, bestehen aber darauf, SCHACHSPIELER und GEDÄCHTNISKÜNSTLER als SPORTLER zu bezeichnen? Warum nennen wir ihre Ausscheidungen TURNIERE (vgl. Turniere kämpfender Ritter im Mittelalter bis zu modernen Tennis-Turnieren heute)?
Wir bezeichnen Ausleseprozesse in der Kunst als VORSPIELEN (Musik), oder (im Theater) als VORSPRECHEN, wobei beide Kategorien neudeutsch CASTING heißen. Warum ist das Vorspielen oder Vorsprechen kein Turnier? Auch hier treten alle gegen alle an und erst nach mehreren Ausscheidungsrunden gibt es Sieger (erste, zweite und dritte Plätze).
Ähnlich interessant ist es, wenn man versucht, eine künstliche Grenze zwischen Kunst und Technik zu ziehen, denn jede Kunst bedient sich gewisser Techniken und so manche künstlerische Darbietung braucht sogar extrem aufwendige Technik, um überhaupt gezeigt zu werden.
Zurück zur Gedächtniskunst, wenn sie als SPORT betrieben werden soll. Wir lesen z.B. in WIKIPEDIA:

Um die Aufgaben zu bewältigen, die im Turnier gestellt werden, greifen Gedächtnissportler auf Mnemotechniken zurück. Dies sind Methoden, die es erleichtern sollen, großen Wissensstoff auswendig zu lernen. (vfb: In der Regel meint man PAUKEN, wenn man LERNEN sagt) Solche Techniken waren bereits im Griechenland der Antike bekannt und ihre Aneignung setzt keine besonderen Fähigkeiten oder Begabungen voraus, jedoch ist für die ernsthafte Teilnahme an Wettkämpfen eine regelmäßige Vorbereitung notwendig. Die Leistung, die Spitzensportler bei Wettkampfstärke erreichen, ermöglicht es ihnen, sich in einer halben Stunde eine 1000-stellige Zahl zu merken…

Es geht ums MERKEN, was ist daran sportlich außer vielleicht dem SPORTSGEIST (dem Gefühl für Fairneß)?
Wir brauchen mehr Leute, die a) keine Angst vor geistigen Tätigkeiten haben und die b) bereit sind, möglichst viele andere einzuladen, mitzumachen, ohne daß man so tut, als treibe man „nur“ Sport, weil man die Lobby der Un-GEIST-igen fürchtet. Ihre Angehörigen sind nur so mächtig, weil sie in der Mehrzahl sind – wie lange noch (in einem Land das einst das Land der Dichter und Denker war) ???
vfb

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Gedächtnis-Sport?/Gedächtnis-Kunst?

  1. Erika Stollberger

    Ich glaube, so habe ich es als Lehrerin erlebt und erfahren, dass sich da ein Teufelskreis dreht: Kinder sollen in der Grundschule „lernen“, also pauken, um gute Noten für den Übertritt an Realschule oder Gymnasium zu erhalten, um mit einem qualifizierteren Abschluss einen lukraiven Beruf ergreifen zu können, um davon gut leben und eine Familie unterhalten zu können und es letztlich „besser“ zu haben als ihre Eltern.
    Als meine Kollegin und ich in unseren beiden dritten Klassen nur in Mathematik eine modulare Vorgehensweise einführen wollten, die den Kindern erlaubt hätte, nach ihrem eigenen Tempo zu lernen, gab es einen heftigen Aufstand vieler Eltern, die uns letztlich zwangen, unser Vorhaben wieder aufzugeben. Offene Aufgaben, die zum Denken anregen, waren nur bei ganz wenigen Schülern beliebt, deren Eltern auch sehr offen waren.
    Ich empfand es jedesmal so, als erfasste ein Virus viele Eltern, sobald ihr Kind in die dritte Jahrgangsstufe kam. Es sind also auch Eltern Opfer unserer Gesellschaft und des von Frau Birkenbihl beschriebenen Zeitgeistes. Übrigens ist „unsere“ Schule eine überschaubare, familiäre Schule, wo jeder jeden kennt und 95 – 100 % der Absolventen eine Lehrstelle bekommen bzw. an eine weiterführende Schule gehen.

  2. Ich kann die Motivation, diesen Beitrag zu schreiben, gut nachvollziehen. Das ist mit Sicherheit manchen schon so gegangen.

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